Tödliche Freundschaft

Schon     bevor     die     Menschen     sich     in Siedlungen   nieder ließen,   verehrten   sie   die Stiere.    dafür    sprechen    Höh len malereien. Im       Neolithikum       entwickelten       die Menschen    den    ersten    Stierkult,    einige Archäologen    glauben    an    eine    Religion mit    zwei    Gottheiten    -    einer    weiblichen Frucht bar keits göttin   und   dem   männlichen Stier.     In     Çatal     Höyük     im     heu tigen Anatolien      bauten      Siedler      das      erste Heiligtum   mit   Stier hörnern   und   Fresken. Viel    später    kamen    dann    auf    Kreta    der mino ische    Stier    dazu    und    die    heiligen Stiere       der       Ägypter.       Die       Kelten hinterließen    lebensgroße    Stier skulpturen aus Granit.
Das   Paradies   dieser   Erde   mag   auf   dem Rücken    der    Pferde    liegen,    wie    der Dichter    Friedrich    von    Bodenstedt    bis heute    zitiert    wird.    Die    menschliche Kultur   dieser   Erde   aber      wurde   auf   dem Rücken     der     Rinder     erbaut.     »Kein Ereignis     in     frühgeschichtlicher     Zeit war   von   ähnlich   weitreichen der   Bedeu - tung   für   die   Ent steh ung   mensch licher Kultur    wie    die    Haustier werdung    des Rindes«, stellt Grzimeks Tierleben  fest.
Milchleistung – das ist nicht nur ein technischer Begriff aus der Industrielandwirtschaft. Milch ist tatsächlich Höchst- leistung für die Kühe. Rund 500 Liter Blut müssen für einen Liter Milch durch das Drüsengewebe des Euters fließen. Bei 30 Litern Milch pro Tag muss die Kuh also 15.000 Liter Blut durch ihr Euter pumpen. Die fingerdick hervortretenden Adern, die die Kühe um ihre riesigen Euter bilden, zeugen davon. Manche Hochleistungskühe, vor allem die mit Wachs- tumshormonen vollgepumpten in den USA, schaffen auch 60 Liter Milch am Tag und mehr, müssen dann also mindestens 30 000 Liter Blut durch das Euter zirkulieren lassen. Solche Höchstleistung bleibt nicht ohne Folgen: die Kühe sind nach kurzer Zeit ausgelaugt, werden krank oder nicht mehr schwanger. Ohne Kalb keine Milch. Das ist das Todesurteil für viele Kühe. Auch die Bullenkälber der auf Leistung gezüchteten Milchrassen haben oft nur ein kurzes Leben. Es lohnt sich kaum mehr, sie aufzuziehen; sie werden zu »Wegwerfkälbern«.
Was wir in den letzten Jahrzehnten aus den Hausrindern gemacht haben, zeigte der bislang größte Betriebsunfall der Industrielandwirt- schaft: BSE. Die bovine spongiforme Enze- phalopathie, der Rinderwahn, wurde in England zur Epidemie, wo besonders materialistisch mit der Kreatur umgegangen wird. Die Rinder, reine Pflanzenfresser, waren jahrzehntelang mit Tiermehl gefüttert worden, also mit getrockneten und gemahlenen Schlachtabfällen oder Abfällen aus der Lebensmittelproduktion. Natürlich stammten die Abfälle zum Teil auch von Rindern. Sie waren also zu Kannibalen gemacht worden – bis nicht mehr zu übersehen und zu verleugnen war, dass sie davon krank wurden.
»Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden.« 5. Mose 25, 4
»Das      Haus rind      ermög lichte      den Schritt    vom    primitiven    Hackbau    der Jungsteinzeit      zur      hochentwickelten Ackerbau kul tur    und    wurde    damit    zur Grundlage    der    asiatisch-europäischen Kultur überhaupt.«

Nur Muht

»Schoko« Foto: Hof Klostersee

Stierkult

Die   Bullenkälber   des   Milchviehs   nehmen   nicht schnell   genug   zu.   Die   Mast   »lohnt«   sich   nicht. In   der   EU   wurde   während   der   BSE-   und   damit einer   Absatz-Krise   die   so ge nannte   »Herodes - prämie«   gezahlt:   für   das   Töten   neu ge borener Kälber.   In   manchen   Ländern   (Dänemark,   UK, Australien) ist das weiterhin Praxis.
Der Vorfahr des Hausrinds ist ausgerottet. Der Name zeugt noch von seiner Bedeutung: Ur
Auch    da,    wo    die    Rinder    nicht    die ersten    Wieder käuer     waren,     die     die Menschen   in   ihre   Siedlungen   mit -    und aufnahmen,    waren    sie    doch    bald    die wichtigsten.           Im           Fruchtbaren Halbmond,    der    Region    von    Euphrat und    Tigris,    zwischen    dem    heutigen Israel    und    dem    Persischen    Golf,    wo die     Menschen     die     ersten     land wirt - schaftlichen    Gemein schaf ten    grün de - ten,   bildeten   sich   bald   Gesell schaften von   Rinderhaltern.   Von   dort   wurde   das Hausrind      entlang      der      damaligen Handelsrouten     bald     in     die     heutige Türkei     und     auf     den     Balkan,     nach Italien      und      weiter      nach      Norden verbreitet. Auf   dem   Rücken   der   Rinder   haben wir   unsere   Kultur   aufgebaut.   Und   das im   Wortsinn,   denn   mit   dem   Rind   kam viel   mehr   in   die   Hände   der   Menschen, als   nur   ein   Tier,   das   man   nicht   mehr erjagen     musste.     Die     Rinder     waren stark,   sie   konnten   Lasten   tragen   und und    Pflüge    und    Wagen    ziehen,    sie konnten    Pumpen    betreiben    und    zum Dreschen    des    Korns    über    die    Tenne laufen.      Und      als      die      Menschen        festgestellt   hatten,   dass   die   Kühe   mehr Milch    geben,    als    ihre    Kälber    saufen können,   hatten   sie   ein   neues   Lebens - mittel   entdeckt.   Eines   das   viele   war: Milch    und    Sahne    und    Molke    und Quark und Käse.
Auf dem Rücken der Rinder

Die Turbokuh

Wegwerfkalb
Zum Download: Comic zur Situation der Milchbauern von Germanwatch und Arbeitskreis bäuerli- che Landwirtschaft

Das Menetekel

Foto: Ken Billington

Tödliche Freundschaft

Schon   bevor   die   Menschen   sich   in   Siedlungen   nieder ließen,   verehrten   sie die      Stiere.      dafür      sprechen      Höh len malereien.      Im      Neolithikum entwickelten    die    Menschen    den    ersten    Stierkult,    einige   Archäologen glauben   an   eine   Religion   mit   zwei   Gottheiten   -   einer   weiblichen   Frucht - bar keits göttin   und   dem   männlichen   Stier.   In   Çatal   Höyük   im   heu tigen Anatolien    bauten    Siedler    das    erste    Heiligtum    mit    Stier hörnern    und Fresken.   Viel   später   kamen   dann   auf   Kreta   der   mino ische   Stier   dazu   und die    heiligen    Stiere    der    Ägypter.    Die    Kelten    hinterließen    lebensgroße Stier skulpturen aus Granit.
Das   Paradies   dieser   Erde   mag   auf   dem   Rücken der   Pferde   liegen,   wie   der   Dichter   Friedrich   von Bodenstedt      bis      heute      zitiert      wird.      Die menschliche   Kultur   dieser   Erde   aber      wurde   auf dem   Rücken   der   Rinder   erbaut.   »Kein   Ereignis in    frühgeschichtlicher    Zeit    war    von    ähnlich weitreichen der    Bedeutung    für    die    Ent steh ung mensch licher   Kultur   wie   die   Haustier werdung des Rindes«, stellt Grzimeks Tierleben  fest. »Das   Haus rind   ermög lichte   den   Schritt   vom primitiven     Hackbau     der     Jungsteinzeit     zur hochentwickelten    Ackerbau kul tur    und    wurde damit   zur   Grundlage   der   asiatisch-europäischen Kultur überhaupt.«
Milchleistung – das ist nicht nur ein technischer Begriff aus der Industrielandwirtschaft. Milch ist tatsächlich Höchst- leistung für die Kühe. Rund 500 Liter Blut müssen für einen Liter Milch durch das Drüsengewebe des Euters fließen. Bei 30 Litern Milch pro Tag muss die Kuh also 15.000 Liter Blut durch ihr Euter pumpen. Die fingerdick hervortretenden Adern, die die Kühe um ihre riesigen Euter bilden, zeugen davon. Manche Hochleistungskühe, vor allem die mit Wachs- tumshormonen vollgepumpten in den USA, schaffen auch 60 Liter Milch am Tag und mehr, müssen dann also mindestens 30 000 Liter Blut durch das Euter zirkulieren lassen. Solche Höchstleistung bleibt nicht ohne Folgen: die Kühe sind nach kurzer Zeit ausgelaugt, werden krank oder nicht mehr schwanger. Ohne Kalb keine Milch. Das ist das Todesurteil für viele Kühe. Auch die Bullenkälber der auf Leistung gezüchteten Milchrassen haben oft nur ein kurzes Leben. Es lohnt sich kaum mehr, sie aufzuziehen; sie werden zu »Wegwerfkälbern«.
Was wir in den letzten Jahrzehnten aus den Hausrindern gemacht haben, zeigte der bislang größte Betriebsunfall der Industrielandwirt- schaft: BSE. Die bovine spongiforme Enze- phalopathie, der Rinderwahn, wurde in England zur Epidemie, wo besonders materialistisch mit der Kreatur umgegangen wird. Die Rinder, reine Pflanzenfresser, waren jahrzehntelang mit Tiermehl gefüttert worden, also mit getrockneten und gemahlenen Schlachtabfällen oder Abfällen aus der Lebensmittelproduktion. Natürlich stammten die Abfälle zum Teil auch von Rindern. Sie waren also zu Kannibalen gemacht worden – bis nicht mehr zu übersehen und zu verleugnen war, dass sie davon krank wurden.
»Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden.« 5. Mose 25, 4

Nur Muht

»Schoko« Foto: Hof Klostersee

Stierkult

Die   Bullenkälber   des   Milchviehs   nehmen   nicht schnell   genug   zu.   Die   Mast   »lohnt«   sich   nicht. In   der   EU   wurde   während   der   BSE-   und   damit einer   Absatz-Krise   die   so ge nannte   »Herodes - prämie«   gezahlt:   für   das   Töten   neu ge borener Kälber.   In   manchen   Ländern   (Dänemark,   UK, Australien) ist das weiterhin Praxis.
Der Vorfahr des Hausrinds ist ausgerottet. Der Name zeugt noch von seiner Bedeutung: Ur
Auch   da,   wo   die   Rinder   nicht   die   ersten   Wieder käuer   waren,   die   die Menschen   in   ihre   Siedlungen   mit -    und   aufnahmen,   waren   sie   doch   bald die   wichtigsten.   Im   Fruchtbaren   Halbmond,   der   Region   von   Euphrat   und Tigris,   zwischen   dem   heutigen   Israel   und   dem   Persischen   Golf,   wo   die Menschen    die    ersten    land wirt schaftlichen    Gemein schaf ten    grün de ten, bildeten   sich   bald   Gesell schaften   von   Rinderhaltern.   Von   dort   wurde   das Hausrind    entlang    der    damaligen    Handelsrouten    bald    in    die    heutige Türkei    und    auf    den    Balkan,    nach    Italien    und    weiter    nach    Norden verbreitet. Auf   dem   Rücken   der   Rinder   haben   wir   unsere   Kultur   aufgebaut.   Und das   im   Wortsinn,   denn   mit   dem   Rind   kam   viel   mehr   in   die   Hände   der Menschen,   als   nur   ein   Tier,   das   man   nicht   mehr   erjagen   musste.   Die Rinder    waren    stark,    sie    konnten    Lasten    tragen    und    und    Pflüge    und Wagen   ziehen,   sie   konnten   Pumpen   betreiben   und   zum   Dreschen   des Korns   über   die   Tenne   laufen.   Und   als   die   Menschen      festgestellt   hatten, dass   die   Kühe   mehr   Milch   geben,   als   ihre   Kälber   saufen   können,   hatten sie   ein   neues   Lebens mittel   entdeckt.   Eines   das   viele   war:   Milch   und Sahne und Molke und Quark und Käse.
Auf dem Rücken der Rinder

Die Turbokuh

Wegwerfkalb
Zum Download: Comic zur Situation der Milchbauern von Germanwatch und Arbeitskreis bäuerli- che Landwirtschaft

Das Menetekel

Foto: Ken Billington