Foto: Martin Mecnarowski

Tödliche Freundschaft

Wir sprechen gemeinhin von »Domestikation«, wenn wir den Vorgang beschreiben, der die ehemals wilden Tiere zu Haustieren werden ließ. Darin steckt das Wort Haus, lateinisch domus. Was den Wolf angeht - den Stammvater aller unserer heutigen Hunde -, ist dies eine ziemlich unsinnige Bezeichnung, denn wir wissen dank fossiler Hundeschädel und gentechnischer Untersuchungen, dass die Menschen überhaupt noch keine Häuser hatten, als sie sich mit den Wölfen zusammenfanden.

Der große Wuff

»Durch den Verstand des Hundes besteht die Welt.« Zend Avesta
Die   gemeinsame   Geschichte   von   Mensch und    Hund    ist    nach    genetischen    Berech - nungen   135.000   Jahre   alt.   Damals   trennte sich     der     Hund     vom     Wolf.     Der     älteste derzeit   bekannte   fossile   Hun de schädel   ist 33.000    Jahre    alt    und    stammt    aus    dem Altai-Gebirge.
Während die Menschen noch weit vom Bau fester Häuser entfernt waren, gruben sich die Wölfe ihre Behausungen durchaus selbst, wenn sie keine passende Höhle für die Geburt der Welpen fanden. Und da es wohl keineswegs so war, dass die Menschen der Steinzeit den Wolf zu sich holten und zähmten, sondern eher so, dass sich die Menschen den Wölfen anschlossen, müsste man von einer »Kubilation« des Menschen sprechen - nach lateinisch cubile für Höhle. Dann aber wäre unsere jahrtausendelange gemeinsame Geschichte mit dem Hund nicht unser Verdienst, sondern der des Wolfes. Das zu denken fällt schwer, wo wir doch von der Überlegenheit des menschlichen Geistes so überzeugt sind. Es spricht aber vieles dafür, dass nicht die Wölfe sich den Menschen angenähert haben, sondern die steinzeitlichen Jagdhorden der Menschen dem damals erfolgreichsten Raubtier der Erde folgten: dem großen grauen Wolf. Die Wölfe Eurasiens, von denen alle Hunde abstammen, lebten in Rudeln und »bewirtschaf- teten« die gewaltigen Rentierherden, die durch die eiszeitliche Mammutsteppe zogen. Die Wölfe benahmen sich dabei ganz wie menschliche Rentierhirten. Sie folgten den Herden und sorgten dafür, dass die schwachen und kranken Tiere nicht überlebten und also die anderen Rentiere nicht anstecken konnten. Sie jagten und lebten dabei in einer allen anderen damaligen Tieren - die Menschen eingeschlossen - überlegenen »Gesellschaftsform«: im Rudel. Das Wolfsrudel ist ein komplexer Organismus, der auf Kommunikation und Kooperation basiert. Wölfe pflegen Freundschaften, über Familienbande hinaus. Sie helfen sich gegen- seitig, betreuen den Nachwuchs gemeinsam, sie teilen - die Arbeit und das Futter. All das kannten und konnten die Menschen nicht, die vor über hunderttausend Jahren den jagenden Wolfsrudeln durch die Steppe folgten. Wir haben das vom Wolf gelernt, der in Koevolution mit uns zum Hund wurde. Das ist der Anteil des Hundes an der Menschwerdung des Affen: Wir haben von ihm unsere soziale Kompetenz. Genauer: Wir haben es von den Neandertalern gelernt und die vom Wolf. Denn Homo sapiens kam erst vor etwa 35.000 Jahren nach Eurasien.
Wie der Mensch auf den Hund kam
Wenn     sich     die     Hunde,     wie     die     Gen unter su chun gen nahelegen,   vor   weit   mehr   als   100.000   Jahren   in   Eurasien vom    Wolf    getrennt    und    den    Menschen    angeschlos sen haben,    dann    waren    diese    Men schen    Neander taler.    Wir »mod erne   Menschen«,   die   Homo   sapiens,   hätten   also   den Hund      und      gro ße      Teile      unseres      Sozialverhaltens      - zusammen   mit   ein   paar   Genen   -   vom   Neander taler   über - nommen.
Die Primatenforscherin Jane Goodall an den Verhaltensforscher Konrad Lorenz:
Wölfe    » überleben    dank    ihrer    Fähigkeit    zur    Zusam - men arbeit.   Sie   jagen   gemeinsam,   schlafen   gemeinsam im   sel ben   Bau   und   ziehen   ihre   Jungen   gemeinsam   auf. Die ses        altbewährte        Sozialsystem        hat        die Domestikation    des    Hundes    erleichtert.    Schimpansen sind   dagegen   Indivi dua listen.   In   freier   Natur   sind   sie ungestüm    und    auf brausend.    Sie    sind    stets    auf    den eigenen     Vorteil     bedacht.     Sie     sind     eben     keine Rudeltiere. «
Kein     anderes     Tier     versteht     den Menschen    besser    als    ein    Hund: schon   die   Welpen   kennen   un sere Gesten.   Aber   weder   Schim pan sen noch   Wölfe   verste hen   sie.   Das   liegt an   unserer   ge mein sa men   Entwick - lungs ge schich te,    der    Koevolution. Das    ist    ein    gegen seitiger    Anpas s - ungs prozess   zweier   über   lange   Zeit interagierender   Arten.   Mensch   und Hund   haben   sich   jahr tau sendelang miteinander    ent wi ckelt    und    sich dabei an einander angepasst.

Neandertaler

Koevolution von Mensch und Hund
Setterhündin Hanna stammt, wie   alle   Hunde,   vom   großen   Grauen Wolf Eurasiens ab.
Foto: Nick Stepowyj
Foto: MPI
Foto: Martin Mecnarowski

Tödliche Freundschaft

Wir sprechen gemeinhin von »Domestikation«, wenn wir den Vorgang beschreiben, der die ehemals wilden Tiere zu Haustieren werden ließ. Darin steckt das Wort Haus, lateinisch domus. Was den Wolf angeht - den Stammvater aller unserer heutigen Hunde -, ist dies eine ziemlich unsinnige Bezeichnung, denn wir wissen dank fossiler Hundeschädel und gentechnischer Untersuchungen, dass die Menschen überhaupt noch keine Häuser hatten, als sie sich mit den Wölfen zusammenfanden.

Der große Wuff

»Durch den Verstand des Hundes besteht die Welt.« Zend Avesta
Die   gemeinsame   Geschichte   von   Mensch und    Hund    ist    nach    genetischen    Berech - nungen   135.000   Jahre   alt.   Damals   trennte sich     der     Hund     vom     Wolf.     Der     älteste derzeit   bekannte   fossile   Hun de schädel   ist 33.000    Jahre    alt    und    stammt    aus    dem Altai-Gebirge.
Während die Menschen noch weit vom Bau fester Häuser entfernt waren, gruben sich die Wölfe ihre Behausungen durchaus selbst, wenn sie keine passende Höhle für die Geburt der Welpen fanden. Und da es wohl keineswegs so war, dass die Menschen der Steinzeit den Wolf zu sich holten und zähmten, sondern eher so, dass sich die Menschen den Wölfen anschlossen, müsste man von einer »Kubilation« des Menschen sprechen - nach lateinisch cubile für Höhle. Dann aber wäre unsere jahrtausendelange gemeinsame Geschichte mit dem Hund nicht unser Verdienst, sondern der des Wolfes. Das zu denken fällt schwer, wo wir doch von der Überlegenheit des menschlichen Geistes so überzeugt sind. Es spricht aber vieles dafür, dass nicht die Wölfe sich den Menschen angenähert haben, sondern die steinzeitlichen Jagdhorden der Menschen dem damals erfolgreichsten Raubtier der Erde folgten: dem großen grauen Wolf. Die Wölfe Eurasiens, von denen alle Hunde abstammen, lebten in Rudeln und »bewirtschafteten« die gewaltigen Rentierherden, die durch die eiszeitliche Mammutsteppe zogen. Die Wölfe benahmen sich dabei ganz wie menschliche Rentierhirten. Sie folgten den Herden und sorgten dafür, dass die schwachen und kranken Tiere nicht überlebten und also die anderen Rentiere nicht anstecken konnten. Sie jagten und lebten dabei in einer allen anderen damaligen Tieren - die Menschen eingeschlossen - überlegenen »Gesellschaftsform«: im Rudel. Das Wolfsrudel ist ein komplexer Organismus, der auf Kommunikation und Kooperation basiert. Wölfe pflegen Freundschaften, über Familienbande hinaus. Sie helfen sich gegenseitig, betreuen den Nachwuchs gemeinsam, sie teilen - die Arbeit und das Futter. All das kannten und konnten die Menschen nicht, die vor über hunderttausend Jahren den jagenden Wolfsrudeln durch die Steppe folgten. Wir haben das vom Wolf gelernt, der in Koevolution mit uns zum Hund wurde. Das ist der Anteil des Hundes an der Menschwerdung des Affen: Wir haben von ihm unsere soziale Kompetenz. Genauer: Wir haben es von den Neandertalern gelernt und die vom Wolf. Denn Homo sapiens kam erst vor etwa 35.000 Jahren nach Eurasien.
Wie der Mensch auf den Hund kam
Wenn   sich   die   Hunde,   wie   die   Gen unter su chun gen   nahelegen, vor   weit   mehr   als   100.000   Jahren   in   Eurasien   vom   Wolf   getrennt und   den   Menschen   angeschlos sen   haben,   dann   waren   diese Men schen   Neander taler.   Wir   »mod erne   Menschen«,   die   Homo sapiens,    hätten    also    den    Hund    und    gro ße    Teile    unseres Sozialverhaltens    -    zusammen    mit    ein    paar    Genen    -    vom Neander taler über nommen.
Die Primatenforscherin Jane Goodall an den Verhaltensforscher Konrad Lorenz:
Wölfe    » überleben    dank    ihrer    Fähigkeit    zur    Zusam - men arbeit.   Sie   jagen   gemeinsam,   schlafen   gemeinsam im   sel ben   Bau   und   ziehen   ihre   Jungen   gemeinsam   auf. Die ses        altbewährte        Sozialsystem        hat        die Domestikation    des    Hundes    erleichtert.    Schimpansen sind   dagegen   Indivi dua listen.   In   freier   Natur   sind   sie ungestüm    und    auf brausend.    Sie    sind    stets    auf    den eigenen     Vorteil     bedacht.     Sie     sind     eben     keine Rudeltiere. «
Kein    anderes    Tier    versteht    den    Menschen besser   als   ein   Hund:   schon   die   Welpen   kennen un sere   Gesten.   Aber   weder   Schim pan sen   noch Wölfe   verste hen   sie.   Das   liegt   an   unserer   ge - mein sa men        Entwick lungs ge schich te,        der Koevolution.   Das   ist   ein   gegen seitiger   Anpas s - ungs prozess        zweier        über        lange        Zeit interagierender     Arten.     Mensch     und     Hund haben   sich   jahr tau sendelang   miteinander   ent - wi ckelt und sich dabei an einander angepasst.

Neandertaler

Koevolution von Mensch und Hund
Setterhündin Hanna stammt, wie     alle     Hunde,     vom     großen Grauen Wolf Eurasiens ab.
Foto: Nick Stepowyj
Foto: MPI
Das Wolfsrudel ist ein komplexer Organismus, der auf Kommunikation und Kooperation basiert. Wölfe pflegen Freundschaften, über Familienbande hinaus. Sie helfen sich gegenseitig, betreuen den Nachwuchs gemeinsam, sie teilen - die Arbeit und das Futter. All das kannten und konnten die Menschen nicht, die vor über hunderttausend Jahren den jagenden Wolfsrudeln durch die Steppe folgten. Wir haben das vom Wolf gelernt, der in Koevolution mit uns zum Hund wurde. Das ist der Anteil des Hundes an der Menschwerdung des Affen: Wir haben von ihm unsere soziale Kompetenz. Genauer: Wir haben es von den Neandertalern gelernt und die vom Wolf. Denn Homo sapiens kam erst vor etwa 35.000 Jahren nach Eurasien.
Foto: MPI